Essay - Essay - Essay - Essay


Wie Carlson zu einem Halsbandglöckchen kam.

Als ich, Eparch Carlson, im zarten Alter von acht Wochen meine Mutter und meine Geschwister verließ und ins schöne Saarland kam, wusste ich noch nicht, wie Frauchen mit anhaltender Konsequenz und sprühendem Erfindungsreichtum uns Tibetern Manieren beibringt und uns Rudeltreue vermittelt.
Voller Vertrauen legte ich meine frühen Kindheitstage in die Hände meines neuen Rudels. Enttäuscht wurde ich nicht. Ich habe eine liebenswerte Hundeschwester gefunden, die sehr langmütig ist und selten so richtig sauer wird. Wenn sie einmal „Hackezähnchen“ austeilt, dann gehe ich in Deckung, bis die Luft wieder rein ist und ich sie von neuem ärgern kann.
Das restliche Rudel, das aus Zweibeinern besteht, ist immer zu Späßen und Spielen aufgelegt und ich fühle mich pudel? – nein, tibet-dokhyi-wohl.

Die täglichen Spaziergänge übernimmt überwiegend Frauchen. Die ersten Wochen rannte ich mit meiner Hundeschwester Bessina durch den Schnee, über Felder und Wiesen. Dort war alles so neu und aufregend für mich, und ich blieb immer in der Nähe meines Rudels. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen wurde ich jedoch mutiger und mein Bewegungsdrang immer größer und eines Tages probierte ich das „unerlaubte Entfernen von der Truppe“. Was Bessina durfte, wollte ich auch tun: ausgiebig schnüffeln, im Unterholz herumstöbern, Vögel erschrecken, einem im Wind flatternden Blatt nachjagen – eben ein schönes, freies Leben haben.
Doch es kam alles viel anders! Diesen Junitag werde ich so schnell nicht vergessen. Wir drei waren frühmorgens unterwegs, und wir Dokhyi durften frei umherspringen. Den Weg nahmen wir oft, er ist sehr verwinkelt, mit vielen Bäumen und herrlichem Gestrüpp bewachsen. Er führt bergauf und bergab. Es ist der tollste Abenteuerspielplatz, den ich kenne und ich muss genau aufpassen, dass ich Frauchen und Bessina nicht verliere.
Plötzlich raschelte es vor meiner Nase und ein Hasenvater sprang vor mir auf. Ich lief hinterher, um zu sehen, wer schneller ist. Der Hase schlug einen Haken nach dem anderen und die Welt versank um mich herum. Irgendwo pfiff Frauchen energisch nach mir, natürlich wusste ich, was das bedeutete, denn Bessina hatte es mir ausreichend vorgemacht – sofortiger Rückzug! Aber ich machte alle „Schotten dicht“ und rannte weiter. Den Hasenvater hatte ich unterdessen längst verloren und als ich aus meinem Schnüffel- und Rennrausch erwachte, waren beide nicht mehr zu sehen. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte ihre Spur nicht finden. Mir wurde bange, wusste ich doch, dass Frauchen mir nie und nimmer nachrennen oder mich suchen würde. Ich rannte den Berg rauf und runter, nach rechts und nach links, dabei immer die Nase auf dem Boden, damit mir kein vertrauter Duft entgehen sollte und plötzlich fand ich Bessinas „Eau de Toilette“. Ich lief der Spur nach, was meine Beine hergaben und endlich sah ich unser Auto. Frauchen stand ruhig davor und Bessina lag gemütlich im Kofferraum. Ich schaffte es noch ein paar Meter und fiel dann total entkräftet um. Frauchen kam auf mich zu, streichelte mich und sagte, ich sei ein braver Junge, dass ich sie so tapfer gesucht habe. Sie nahm mich auf und trug mich zum Auto, legte mich neben Bessina, und ich war der glücklichste Hund der Welt.

Während des gemeinsamen Essens, schilderte Frauchen die Ereignisse des Vormittags. Herrchen erwiderte, ich müsse von nun an der Leine bleiben, bis ich in der Hundeschule mein 1 x 1 gelernt hätte. Frauchen fand diesen Vorschlag nicht gut. Ich brauche den Auslauf und die Kontakte zu meinen Artgenossen und heute hätte ich ja etwas sehr Wichtiges gelernt. Ich wusste genau, was sie meinte und werde diese Lektion so schnell nicht vergessen.

Den Rest des Tages hatte ich mich bestens erholt und lag friedlich schlummernd auf meinem Hundesofa, als Frauchen sich zu mir setzte und mir mein neues Halsband zeigte, ein schwarzes Lederhalsband mit einem Glöckchen, einer Adressenkapsel und meiner Steuermarke daran. Sie legte es mir um den Hals und fand, dass es sehr nett aussehe. Ach, nun habe ich nicht nur meine Lektion gelernt, sondern muss auch noch den Spott meiner Hundekollegen aushalten, denn bei jedem Freilauf trage ich das Halsband mit dem Glöckchen daran.

Frauchen ist jedoch mit dem Glöckchen sehr zufrieden, denn sie hat mehrere Ziele damit erreicht. Zum einen hört sie jetzt immer, wo ich mich herumtreibe und ruft mich sofort heran, wenn ich mich zu weit entferne, zum anderen hören mich alle Hasen und Vögel schon von weitem herankommen und sind längst verschwunden, bevor ich sie jagen kann. Auch die Begegnungen mit plötzlich auftauchenden Spaziergängern verläuft weniger dramatisch. Früher riefen die Leute: „Halten Sie Ihre Hunde zurück“, heute heißt es nur noch: "Ach wie niedlich, ein Hund mit einem Glöckchen!“.

Nun trage ich mein Glöckchen schon viele Wochen und weiß immer noch nicht, was Bessina mehr amüsiert, dass ich, „Carlson vom Dach ohne Propeller“ oder „Carlson mit dem Halsbandglöckchen“ bin.

©Herzliche Grüße Carlson
Im Herbst 1995




©manwantaras-publication2000/copyright by i.brill-walch