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Jojo, der König des Val
d'Isère
Aus der herrlichen Umgebung des
Elsass mussten wir nach Karlsruhe übersiedeln. Eine Stadt, die man den
Backofen Deutschlands nennt und die uns mit einer Luftfeuchtigkeit
zwischen 80 bis 92 Prozent und teilweisen Temperaturen von 26 Grad Celsius
noch gegen 23.00 Uhr verwöhnte.
Trotz gelegentlichen Abkühlungen im Rhein schlich Jojo umher, bei jedem
Heben der Pfote überlegend, ob dies wohl nötig sei. Die Kommentare
blieben deshalb nicht aus: "Wie alt ist er denn?" oder "Ach, was
hat denn das Tierle?" (Jojo wiegt 62 Kilo und hat eine Schulterhöhe
von 72 cm). Auch ich litt erheblich und so packten wir die Koffer und den
Wagen und ließen uns für gut zehn Wochen in einer Ferienwohnung auf 1850
Höhenmetern nieder.
Die französischen Alpen kennt Jojo vom Winter, in dem man in Val d'Isère
im Tal, auf einer der vielen Langlaufloipen bequem auf zirka 2400 Meter
laufen kann oder man benutzt die Passstraße, wenn nicht zuviel Schnee
liegt und die Räumfahrzeuge gefahren sind. Wenn Jojo allerdings in den
vollgestopften Gondeln zwischen Skistiefeln, Skiern und Snowboards
verschwindet, stehe ich immer Ängste aus, dass er sich doch einmal
ernsthaft Luft "verschnappen" könnte.
Im Sommer ist es da einfacher, weil nur Sessellifte verkehren und ich noch
nicht gewagt habe, ihn als Beisitzer zu rekrutieren. So mussten wir also
steigen und taten dies in schöner Regelmäßigkeit, jeden zweiten Tag ein
wenig länger. Jojo hat sich - im Gegensatz zu unserer verstorbenen
Komondorhündin - nie um das Pfeifen der Murmeltiere gekümmert und bleibt
immer in meiner Nähe. Selbst das wohlverdiente "Bauchbad" mit
ordentlichen Schlucken eiskalten Wassers
zeigten keinerlei negative
Wirkung. Da es nichts hundliches zu erschnüffeln gab, kamen wir immer
gut voran und im Laufe der Woche stieg die Kondition von uns beiden.
Nach einer Hüttenrast - ich wäre gerne noch weiter gelaufen, aber für
800 Höhenmeter reichte meine Puste nicht - fragte ich die Wirtin, ob
Hunde auf der Hütte willkommen seien. Kein Problem - "je vous donne
la chambre en bas" (Ich gebe ihnen das ebenerdige Zimmer), war ihre
Antwort. Im Glücksgefühl, mit Jojo ein Zimmer mit Bett zu finden (in
einigen österreichischen Hütten gibt es neben den Lagern auch richtige
Gästezimmer) stiegen wir wieder beflügelt auf. Jojo immer voran, über
Felsplatten, Abkürzungen nehmend, nichts war zu steil, zu schmal oder zu
eng.
Die Bergspitzen und Gletscher färbten sich schon rosa - wir kamen
gerade rechtzeitig zum Nachtessen zurück, das Jojo vor der Hütte aus dem
praktischen Schweizer Segeltuchsäckchen serviert bekam. Es lag neben
seinem linken Fuß, der Wasserkessel neben dem rechten, so dass er sich
nicht mal auf die Füße stellen musste und es sich im Liegen schmecken
ließ. Aber, oh je, das "chambre en bas" entpuppte sich als
Geräteraum, den man meinem "Camerade à quattre pattes"
(Begleiter auf vier Pfoten) zugedacht hatte. Die Wirtin verstand gar
nicht, warum uns das nicht zusagte und da sie mich nicht mehr wegschicken
konnte, wurde ich in einem schmalen Raum mit zwei Stockbetten eingewiesen.
Bezogene Matratzen und zwei Wolldecken. Da ich nicht darauf vorbereitet
war, hatte ich keinen Schlafsack dabei und richtete mich im unteren Bett
am Fenster ein. Jojo's Fressbeutel, gefüllt mit meinen Ersatzsocken und
etlichem Küchenkrepp, das als Handtuchersatz vorgesehen war, diente als
Kopfkissen. Beim Nachtessen musste ich erst einmal meinen
"Beischläfern" die Situation erklären, die Jojo aber schnell
als Schlafgenossen akzeptierten. Ob Jojo das auch tun würde? Gott sei
Dank hatte ich den Maulkorb mit, hängte die Leine in meinen Ellenbogen
ein und harrte wahrhaft zitternd, was die Nacht nun bringen würde. Als
die drei Mannsleut zur Tür hereinkamen, bellte Jojo natürlich, ließ sich
aber schnell beschwichtigen und schaute dann nur noch fasziniert auf die
drei sich im Halbdunkel bewegenden Gestalten. Früher hatten wir
Taschenlampen - heute gibt es Stirnbänder mit einer Leuchte in der Mitte
daran, wie bei den Bergleuten. Jojo schaute sich das sitzend an, ließ ein
Hantieren an den Rucksäcken auf der Bank hinter ihm zu und muckte auch
nicht auf, als eins der Mannsbilder die Leiter hoch in das Bett über mir
stieg. Was aber würde werden, wenn am Morgen um 3.30 Uhr geweckt wird?
Bellt er dann die ganze Hütte wach? Geschlafen habe ich kaum und als
morgens die Tür geöffnet wurde und vom Flur, der durch ein Minutenlicht
beleuchtet wurde, Helligkeit ins Zimmer drang, gab Jojo keinen Ton von
sich. Die drei Kopflampen bewegten sich lautlos, die Rucksäcke und
Eispickel wurden über seinen Rücken gehoben und in wenigen Minuten waren
wir allein.
Um sieben Uhr machten auch wir uns auf den Weg - was zwar etwas
übertrieben war - denn es gab keinerlei Markierungen, aber etliche Pfade.
So war ich dankbar für eine Dreiergruppe, die von unten bergauf kam und
dieselbe Route hatte. So konnten wir uns gegenseitig unterstützen - sie
fanden den 100 Meter tieferliegenden Steg über den Wildbach - ich den
richten unter mehreren Pfaden an zwei "Buckeln" des sonst
einfachen Aufstieges, der allerdings mit Hilfe von Händen und Knien
bewältigt wurde. Ich hatte es mir abgewöhnt, Jojo an schmalen Stellen
hinter mir gehen zu lassen, weil ich immer mehr feststellte, wie
trittsicher und flink er sich bewegte, wackelige Holzbretter über
Wildwasser mit mir überquerte oder durchschritt, was ich mit Hilfe meiner
Wanderstöcke schaffte, während er ganz "cool" durch das teilweise stark abwärts brausende Wasser marschierte. Nach
zweieinhalb
Stunden hatten wir unser Ziel - eine verfallene Schäferhütte - erreicht.
Ich legte mich auf einen großen Stein in die Sonne, Jojo dahinter in den
Schatten. Die drei zogen weiter und wir blieben alleine etwas oberhalb des
Zusammenstosses zweier Täler, die von Gletschern und Schneefeldern
begrenzt werden, zurück. Plötzlich Kinderstimmen - wieso meldete Jojo nicht? Ich
nahm mein Fernglas - nichts zu sehen. Dann eine Männergruppe - wieder
nichts. Mindestens fünfmal habe ich mich narren lassen und nach den
menschlichen Stimmen geschaut - es war das Plätschern, Murmeln und
Rauschen der verschiedenen Gebirgsbäche und -Wässerlein, die zu Tale
strömten! Nach zwei Stunden meldete Jojo dann tatsächlich die ersten
Wanderer, die vom Tal heraufkamen und wir machten uns auf den Heimweg. Der
sehr steile und steinige Abstieg mündete in einen Karrenweg, der uns zum
Auto zurückbrachte. Jojo konnte sich noch einmal abkühlen und als ich
nach fünfeinhalb Stunden Wanderzeit die Wagentür öffnete, waren wir
keineswegs müde. Jojo lief munter vor mir her und überlegte,
ob er wirklich einsteigen sollte.
Ich habe ihn noch nie so glücklich gesehen wie an diesem Tag. Mögen wir
im nächsten Jahr wieder einen Bergsommer erleben dürfen.
©Ute
Dürr
Im Sommer 2002
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